Über uns

„Die tragende Kraft in einer sozialen Einrichtung ist das Engagement der Mitarbeiter*innen“

Interview mit Ulrich Wiltschko, Vorstandsvorsitzender und Gründer von NEUE WEGE.


Herr Wiltschko, was hat Sie motiviert, 1994 NEUE WEGE zu gründen?

Ulrich Wiltschko: In den neunzehnneunziger Jahren gab es für Jugendliche, die als „schwierig“, „nicht-motivierbar“ oder „nicht vermittelbar“ galten, nur wenige pädagogisch sinnvolle Antworten. In meinen Augen fehlten damals adäquate Angebote für Jugendliche in schwierigsten Lebenssituationen, die sie stabilisieren und dabei unterstützen, Verhaltensweisen für ein selbstbestimmtes Leben zu entwickeln.

Ein progressiver Jugendamtsleiter schuf zu dieser Zeit gemeinsam mit dem engagierten Sozialreferenten ein Umfeld in München, in dem es möglich war, neuartige pädagogische Antworten für diese Jugendlichen zu entwickeln und umzusetzen - ohne Parteibuch oder Kirchenzugehörigkeit. In Folge entstanden einige innovative freie Träger in der Kinder- und Jugendhilfe, wie eben auch NEUE WEGE, die dank des neuen SGB VIII in einem fruchtbaren Wettbewerb miteinander standen.

Das Ziel unserer pädagogischen Arbeit war nie, die Jugendlichen an die Gesellschaft anzupassen, wie es das Jugendamt gern gesehen hätte. Als Pädagoge und Gestalttherapeut ist mir eine ganzheitliche, systemische Grundhaltung bei NEUE WEGE wichtig, die den jungen Menschen als Teil einer Gruppe, einer Gesellschaft, eines sozioökonomischen Raumes sieht und nicht als „Einzeltäter“ behandelt.

Wir begegnen den uns anvertrauten jungen Menschen mit der Haltung: „Es ist wie es ist und es ist gut so.“ Wir sind davon überzeugt, dass die Akzeptanz des Ist-Zustandes die Grundlage für Veränderung ist. Und aus dieser ganzheitlichen Betrachtung heraus können wir die Jugendlichen erst einmal so annehmen, wie sie sind. Wir sehen die Themen und die Schwierigkeiten des jungen Menschen als dessen Leistung an, mit seiner oder ihrer Situation mehr oder weniger angemessen fertig zu werden.

Mit hervorragenden Pädagog*innen an ihrer Seite sollen die jungen Menschen einen Spielraum bekommen, um alternative Handlungsmöglichkeiten und Verhaltensweisen kennen zu lernen und auszuprobieren. Das ist die Grundvoraussetzung um selbstbestimmt handeln zu können.

Bereits mit Ihrem ersten Projekt sind Sie ja dann NEUE WEGE gegangen...

Ulrich Wiltschko: Ja, das war damals durchaus ungewöhnlich. Speziell von mir intensiv fortgebildete Pädagog*innen haben sich mit besonders auffälligen Jugendlichen auf den Weg ins außereuropäische Ausland gemacht. Auf monatelangen einsamen Wanderungen trafen unsere Jugendlichen auf sich selbst, auf die Natur und ihre Gesetze und auf ein neues Miteinander.

Wenn die Sonne untergeht, wird es dunkel. Wenn keiner abends Holz sammelt, wird es kalt in der Nacht. Wenn Du nur Kartoffelchips einkaufst, wirst Du Hunger und Durst bekommen. Das „gemeinsame Gehen“ ermöglichte ein intensives Zusammenleben und provozierte völlig neue Beziehungserfahrungen.

Der Weg nach Hause sollte allerdings kein Weg zurück in das alte Leben sein. Deshalb entwickelten sich aus der Nachbetreuung und Nachsorge die ersten stationären Betreuungsformen.

Eines der Prinzipien im Leitbild von NEUE WEGE lautet „Jede*r am Prozess Beteiligte soll profitieren“. Was genau bedeutet das?

Ulrich Wiltschko: Als ich NEUE WEGE gründete, konnte ich bei Mitarbeiter*innen anderer Träger zwei Verhaltensweisen beobachten: Bei manchen Einrichtungen opferten sich die Fachkräfte für ihre Klient*innen auf und achteten schlecht auf sich selbst. Bei anderen saßen die Pädagog*innen einen Großteil ihrer Arbeitszeit in Teamsitzungen oder Supervisionen zusammen und beschäftigten sich sehr eingehend mit sich selbst und den Teamkonflikten. Die Jugendlichen haben quasi die Aufarbeitung der Konflikte gestört.

Mir war daher von Anfang an wichtig, dass alle profitieren. Zunächst natürlich die uns anvertrauten jungen Menschen, für die wir bei NEUE WEGE seit jeher mit Herzblut da sind. Gleichzeitig lege ich Wert darauf, dass unsere Mitarbeiter*innen, bei all ihrem Engagement für die Kinder und Jugendlichen, ihre eigene persönliche und fachliche Entwicklung nicht außer Acht lassen. Und auch das Team, die Einrichtung, der Träger und die Beschäftigten im Jugendamt sollen von unserer Arbeit profitieren. Die Rahmenbedingungen dafür schafften wir durch flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege, Offenheit für die Ideen der Mitarbeiter*innen sowie regelmäßige Supervisionen und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Heute ist NEUE WEGE mit seinen Angeboten breit aufgestellt. Wie hat sich ihr Herzensprojekt weiterentwickelt?

Ulrich Wiltschko: In den letzten 26 Jahren hat sich NEUE WEGE stark entwickelt und ist mit den gesellschaftlichen Aufgaben immer weiter gewachsen. Mittlerweile umfassen unsere Angebote voll- und teilstationäre Jugendhilfemaßnahmen, ebenso wie Ambulante Erziehungshilfen in den sozialen Brennpunkten Münchens und frühkindliche pädagogische Angebote.

Unsere Bereitschaft, Neues mit Freude und Mut auszuprobieren und unsere Offenheit für Veränderungsprozesse waren seit jeher ausschlaggebend für den Erfolg unserer Arbeit. Die tragende Kraft in einer sozialen Einrichtung ist jedoch das Engagement der Mitarbeiter*innen. Und das habe ich in all den Jahren als überwältigend wahrgenommen.

Auf diese Weise konnten wir über zehntausend Kinder, Jugendliche und Familien ermutigen, NEUE eigene WEGE zu gehen. Das macht uns froh. Wir sind dankbar und glücklich, in München zum sozialen Frieden und zur sozialen Gerechtigkeit beitragen zu können.

Vielen Dank für das Interview, Herr Wiltschko.